China's digital renminbi hat am 1. Januar 2026 eine neue Ära eingeläutet. Mit der Einführung eines Systems, das den Kontoständen Zinsen auf Sparkonten gewährt, wird der digitalen Währung ein neuer Charakter verliehen.

Dieser Schritt stellt eine klare Abkehr von der internationalen Übereinkunft dar, dass CBDCs keine Zinsen erhalten sollten. Die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Fed (FRB) und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) haben lange argumentiert, dass dieses Prinzip für die Finanzstabilität unverzichtbar sei.

Die etablierte Sichtweise betont, dass CBDCs digitales Bargeld, keine Sparmittel sind.

Die meisten Experten im Bereich CBDC weltweit haben sich grundsätzlich auf das zentrale Prinzip geeinigt, Retail-CBDC als digitales Äquivalent von Bargeld zu definieren. Es soll kein Finanzprodukt mit Zinsen sein.

Die EZB hat hierzu eine klare Position eingenommen. In ihrer offiziellen FAQ erklärt sie eindeutig: „Genau wie Bargeld in Ihrer Brieftasche erhält auch der digitale Euro keine Zinsen.“ Mit dieser Gestaltung soll verhindert werden, dass der digitale Euro als „Sparmittel“ fungiert, das zu einem Abfluss von Bankguthaben führt.

Auch die Fed hat ähnliche Bedenken geäußert. In einem Diskussionspapier aus dem Jahr 2022 warnte sie vor der Möglichkeit, dass zinstragende CBDCs das US-Finanzsystem grundlegend verändern könnten. Das Hauptproblem ist die Abnahme der Rolle der Banken. Wenn Haushalte ihre Einlagen in die Zentralbank übertragen, könnte die Kreditvergabe der Banken eingeschränkt werden.

Die BIS und das Internationale Währungsfonds (IMF) weisen darauf hin, dass zinstragende CBDCs im Falle einer Finanzunsicherheit das Auslaufen von Geld aus Banken beschleunigen und zu einer „Flucht“ der Einleger in Zentralbankgeld führen könnten.

China: Umstellung von M0 auf M1

Chinas Entscheidung bedeutet, dass der digitale Renminbi nicht mehr nur als „M0“ – gleichwertig mit Bargeld –, sondern als umfassenderer Geldbestand „M1“, der auch Sparkonten einschließt, neu definiert wird.

Diese Politik basiert auf dem Aktionsplan der Zentralbank der Volksrepublik China (PBOC) zur „Stärkung der digitalen Renminbi-Verwaltung und der Finanzinfrastruktur“. Zielgruppe sind zertifizierte Wallets (individuelle und juristische Personen in Klassen 1 bis 3). Wie bei Sparkonten werden die Zinsen quartalsweise am 20. Tag des letzten Monats jedes Quartals abgerechnet. Anonyme Wallets der Klasse 4 sind davon ausgeschlossen.

China hat zudem im offiziellen Definitionstext des digitalen Renminbi explizit „zugehörige Zahlungssysteme“ aufgenommen, um zu zeigen, dass e-CNY über eine reine Bargeldersatzfunktion hinausgewachsen ist.

Der Analyst Wan Jian von Guoxin Securities bewertet dies als Übergang von „digitalem Bargeld 1.0“ zu „Sparguthaben 2.0“. Er beschreibt es als eine neue Form eines Bankkontos, die traditionelle Zahlungseffizienz mit innovativen Vertragsfunktionen verbindet.

Der Grund für Chinas Entscheidung, einen anderen Weg einzuschlagen

Chinas Entscheidung basiert auf einer anderen strategischen Kalkulation als die westlichen Wirtschaftsräume.

Erstens wurde die Sicherheit durch die Anwendung der Einlagensicherung gesichert. Die Zentralbank der Volksrepublik China hat klargestellt, dass auch digitale Renminbi-Wallets unter den Schutz der Einlagensicherung fallen und somit dieselbe Sicherstellung wie bei Bankguthaben genießen. Dies ist eine Maßnahme, die die Besorgnis adressiert, dass zinstragende CBDCs im Krisenfall als sicherer als Bankguthaben angesehen werden könnten.

Zweitens handelt es sich um die Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit als Fördermaßnahme. Bis November 2025 erreichte die Anzahl der e-CNY-Wallets 230 Millionen, der kumulative Transaktionsvolumen betrug 1,67 Billionen Yuan. Doch der Wettbewerb mit etablierten mobilen Zahlungsplattformen wie Alipay und WeChat Pay bleibt nach wie vor intensiv. Die Zinszahlung wird e-CNY nicht nur zu einem bloßen Zahlungsmittel, sondern bietet den Nutzern einen praktischen Anreiz, Guthaben zu halten.

Drittens wird durch Chinas „zweistufiges System“ das Risiko einer plötzlichen Entwertung der Rolle der kommerziellen Banken abgemildert. Die Zentralbank der Volksrepublik China emittiert den digitalen Renminbi über kommerzielle Banken, wodurch diese ihre Beziehung zu Kunden weiterhin aufrechterhalten können.

Auswirkungen auf die weltweite Entwicklung von CBDCs

Chinas Schritte stellen eine Herausforderung für Zentralbanken weltweit dar.

Die EZB plant die Einführung des digitalen Euro bis 2029, verbietet jedoch ausdrücklich Zinsen, um einen Wettbewerb mit Bankguthaben zu vermeiden, und setzt strenge Obergrenzen für die Haltekapazität fest. Der Rat der Europäischen Union unterstützt ebenfalls Obergrenzen, um eine Speicherung von Wert im digitalen Euro zu verhindern.

Zugleich nimmt die Kritik an dem Prinzip der Nullzinsen in den letzten Jahren zu. Eine Analyse des CEPR aus dem Jahr 2025 kommt zu dem Schluss, dass eine signifikante Verbesserung des Wohlfahrtsniveaus erzielt werden könnte, wenn die Zinssätze für CBDC entweder auf null oder um 1 Prozentpunkt unterhalb der geldpolitischen Zinsen festgelegt würden. Auch das Internationale Währungsfonds (IMF) räumt ein, dass zinstragende CBDCs die Reaktion der Wirtschaft auf geldpolitische Zinssätze verstärken könnten.

Der chinesische Ansatz könnte zeigen, dass die Risiken, die westliche Zentralbanken wie Kapitalabfluss oder Schrumpfung der Kreditvergabe befürchten, durch sorgfältige Gestaltung – wie Obergrenzen, Zinsschichten und Einlagensicherung – beherrschbar sind.

Unterschiedliche Annäherung an die Einführung von Zentralbankdigitalwährungen

Retail-CBDC wird sich nicht zu einem einzigen Modell verdichten, sondern vielmehr je nach Währungstradition, Finanzstruktur und strategischen Prioritäten der einzelnen Länder weiter diversifizieren.

Die USA gehen genau den umgekehrten Weg. Laut dem Atlantic Council ist die USA das einzige Land, das den Retail-CBDC offiziell verboten hat. Im Januar 2025 unterzeichnete der US-Präsident Trump eine Präsidentenverordnung, die die Entwicklung und Förderung von CBDCs durch Bundesbehörden untersagte. Bei der „Crypto Week“ im Juli verabschiedete das Parlament wichtige Gesetze zu digitalen Vermögenswerten (die GENIUS-Gesetze zur Regulierung von Stablecoins, die CLARITY-Gesetze zur Marktstrukturregulierung und ein Gesetz gegen Überwachung durch CBDCs). Das Gesetz gegen CBDCs wurde im Repräsentantenhaus mit 219 zu 210 Stimmen angenommen und befindet sich derzeit in der Beratung im Senat.

Europa positioniert CBDC als effizientes und umfassendes Zahlungssystem und verzichtet bewusst auf eine Anziehungskraft als Sparmittel. China hingegen geht davon aus, dass ein CBDC, der den Eigenschaften von Sparkonten nahekommt, mit dem Bankensystem koexistieren und den Nutzern eine praktische Funktion über die reine Zahlungsfunktion hinaus bieten kann. Die USA lehnen dieses Konzept insgesamt ab. Die weltweite Entwicklung um CBDCs zeigt somit eine ideologische und geopolitische Spaltung.

Während 137 Länder, die 98 Prozent des weltweiten BIP ausmachen, an CBDCs forschen, richten sich die Aufmerksamkeit auf Chinas Experiment mit zinstragenden digitalen Währungen. Falls dies gelingt, könnte die bisherige Grundlage für die Gestaltung von CBDCs weltweit neu überdacht werden müssen.

Der Streitpunkt hat sich längst von der Frage der CBDC-Emission hin zu der Frage verschoben, welche Art von Geld eine CBDC sein sollte.